Julianischer Kalender

Julius Cäsar beauftragte angesichts der bisher herrschenden Willkür (siehe Römischer Kalender) den alexandrinischen Astronomen Sosigenes mit der Ausarbeitung eines handhabbaren Kalenders. Die wichtigste Neuerung war die Einführung der Schaltregel: Auf drei Gemeinjahre mit jeweils 365 Tagen sollte ein Schaltjahr mit 366 Tagen folgen. Damit wurde die Bindung der Monate an die Mondphasen vollkommen aufgegeben, und die Monate erhielten 30 bzw. 31 Tage, mit Ausnahme des Februars, der wegen der in diesem Monat liegenden Gedenktage an die Verstorbenen nicht verändert wurde. In Schaltjahren fügte man hinter dem 24. Februar den Schalttag ein. Um die Abweichung des Kalenders von den Jahreszeiten zu korrigieren, wurden bei seiner Einführung zwei Schaltmonate eingefügt, wodurch ein Jahr mit 445 Tagen, das annus confusionis, entstand.

Nach Cäsars Tod wurde wegen einer fehlerhaften Interpretation aller drei Jahre geschaltet, weshalb Cäsars Nachfolger Augustus durch den Entfall fälliger Schaltjahre den Fehler korrigierte. Näheres zur Tagesbezeichnung und dem Schaltrhythmus siehe bei Römischer Kalender.

Im Jahre 525 erarbeitete der Mönch Dionysius Exiguus neue Ostertafeln, da die damals verwendeten Tafeln nur bis zum Jahre 531 reichten. In seinen Tafeln verwendete Dionysius statt der bisher üblichen Jahreszählung nach der Diokletianischen Ära die Jahre "seit der Fleischwerdung unseres Herrn Jesus Christus". Vielleicht missfiel Dionysius die Verewigung Diokletians, in dessen Herrschaft die letzten großen Christenverfolgungen fielen, in der Zeitrechnung der Kirche. Dionysius unterließ es darzulegen, warum er seine Jahreszählung im Jahre 1 u. Z. begann. Da sich im Julianischen Kalender die Osterdaten nach 532 Jahren wiederholen (siehe Berechnung des Osterfestes) mag es sein, dass er auch aus praktischen Erwägungen heraus seine Epoche so legte, dass seine Ostertafeln genau im Jahre 532 begannen. Durch Dionysius' Festlegung bekamen zudem Schaltjahre Jahreszahlen, die durch vier teilbar sind. Die Datierung nach der christlichen Ära setzte sich allgemein auf Urkunden erst seit dem 9. Jahrhundert durch. Zuvor und auch später wurden u. a. verschiedene Weltären oder die Diokletianische Ära gebraucht.

Der Julianische Kalender blieb bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch. Die Orthodoxen Kirchen begehen verschiedene ihrer Hochfeste noch heute nach dem Julianischen Kalender. Gegenüber dem römischen Kalender hat sich lediglich die Bezeichnung der Monatstage geändert. Bereits im Mittelalter ging man dazu über, die Tage im Monat einfach durchzunummerieren.

Durch die von Sosigenes erarbeitete Schaltregel hatten vier Jahre insgesamt 3 · 365 + 366 = 1461 Tage, woraus eine durchschnittliche Jahreslänge von 1461 / 4 = 365,25 Tagen resultiert. Das tropische Jahr ist aber um etwa 11 Minuten kürzer. Diese Differenz summierte sich im Laufe der Jahrhunderte zu zehn Tagen im 16. Jahrhundert. Anschaulich gesagt, bewegte sich der Jahresbeginn am 1. Januar langsam in Richtung Frühjahr.

Zur Zeit beträgt der Versatz zwischen Julianischem und Gregorianischem Kalender 13 Tage. Da einige Orthodoxe Kirchen verschiedene Feste nach dem Julianischen Kalender begehen, fällt deren Weihnachtsfeiertag im Gregorianischen Kalender auf den 7. Januar des Folgejahres.

Jahresanfänge

Der für uns selbstverständlich erscheinende Jahresbeginn mit dem 1. Januar wurde schon im Römischen Reich eingeführt. Trotzdem kamen im Mittelalter, besonders wegen der von der Kirche nicht gern gesehenen heidnischen Bräuche zur Feier des Jahreswechsels, verschiedene andere Stile auf, die im Folgenden kurz beschrieben werden sollen.

Circumcisionsstil

Dies ist der Jahresanfang am 1. Januar. Da schwer gegen diesen Jahresanfang anzukommen war, legte man im 7. Jahrhundert das Fest der Beschneidung (circumcisio) Christi auf den 1. Januar. Im bürgerlichen Leben wurde nie wirklich von diesem Jahresbeginn abgegangen, obwohl in Kanzleien und Schreibstuben häufig andere Stile zur Datierung von Urkunden benutzt wurden. Für die Datierung von Urkunden setzte sich dieser Jahresanfang allgemein erst mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders durch. Die päpstliche Kanzlei datierte seit 1621 Breven, seit 1691 auch Bullen nach diesem Stil. Der Übergang von anderen Jahresanfängen zu diesem erfolgte u. a. 1563 in Frankreich, 1575 in den Niederlanden und im Bistum Genf, in Florenz und Pisa 1749, in England gleichzeitig mit der Einführung des Gregorianischen Kalenders im gesamten Großbritannien 1753, schließlich in Trier während des 30-jährigen Krieges.

Weihnachtsstil

Die Geburt Christi wird mit dem Weihnachtsfest begangen, weshalb der Jahresanfang auf den 25. Dezember des - nach der heutigen Rechnung - vorigen Jahres gelegt wurde. In Deutschland ist der Weihnachtsanfang am dauerhaftesten angewendet worden. Kaiserliche Urkunden wurden bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts fast ausschließlich nach diesem Stil datiert. Unter den deutschen Königen von Philipp von Schwaben bis Konrad IV. wurde öfter vom Weihnachtsanfang abgewichen, wohl unter dem Einflusse des in Italien verbreiteten Annuntiationsstils. Seit Rudolf I. konkurrieren Weihnachts- und Circumcisionsstil.

Weitere Gebiete, in denen der Weihnachtsanfang gebraucht wurde, waren die Länder des Deutschen Ordens, die spanischen Niederlande (etwa das heutige Belgien), in denen der Circumcisionsstil durch Verordnung im Jahre 1575 eingeführt wurde, und England, in dem im 13. Jahrhundert der Weihnachtsanfang dem 25.-März-Anfange weichen musste. In Spanien gebrauchte man den Weihnachtsanfang von 1350 (Aragonien) bzw. 1383 (Kastilien) an; er löste den bis dahin üblichen Jahresanfang am 25. März ab. 1556 wurde der 1.-Januar-Anfang eingeführt.

In den Urkunden der Bistümer herrschte in Deutschland ebenfalls der Weihnachtsstil vor, obwohl es einige Abweichungen gegeben hat (Trier, Münster).

Annuntiationsstil

Hier beginnt das Jahr mit dem 25. März, dem Tage der mit der Verkündigung (annuntiatio) an Maria angenommenen Empfängnis Jesu. Konsequenterweise müsste der Jahresanfang also am 25. März des - wiederum nach heutiger Rechnung - vorhergehenden Jahres sein, da die Empfängnis Jesu unmöglich nach der Geburt Jesu stattgefunden haben kann. Jedoch nur in Pisa und einigen wenigen weiteren Gebieten folgte man dieser Betrachtung (calculus Pisanus), während man in Florenz die Tage bis zum 24. März dem vorhergehenden Jahre zuordnete (calculus Florentinus). In Pisa begann das Jahr 1405 "der Fleischwerdung" am 25. März 1404 unserer Rechnung und endete am 24. März 1405, während in Florenz am 25. März 1404 erst das Jahr 1404 begann. In beiden Städten wurde der 25.-März-Anfang erst 1749 abgeschafft. Der Annuntiationsstil hat den großen Nachteil, dass in eines seiner Jahre zwischen keinem und zwei Ostersonntage fallen können.

In Deutschland war dieser Jahresanfang in der Erzdiözese Trier (seit dem 12. Jahrhundert) bis zum 30-jährigen Krieg üblich, in Luxemburg und Lothringen galt er bis zu seiner Abschaffung durch Verordnungen 1575 bzw. 1579.

In England kam der Jahresanfang mit dem 25. März im 13. Jahrhundert auf, vielleicht durch normannischen Einfluss. Erst 1752 wurde er zugunsten des Januar-Anfanges abgeschafft. Die Umstellung auf den 1. Januar als Jahresanfang und auf den Gregorianischen Kalender führte 1752 zu Unruhen im Königreich. Schließlich wurde erst das Jahr 1751 um fast drei Monate gekürzt (denn es hätte ja erst am 24. März statt schon am 31. Dezember geendet), und im folgenden Jahr wurden wieder elf Tage weggelassen, als nach dem 2. September der 14. September folgte.

Die päpstliche Kanzlei datierte von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zum Ende des 13. Jahrhunderts nach dem calculus florentinus, wandte aber zwischenzeitlich (unter den Päpsten von Urban II. bis Lucius II.) auch den calculus Pisanus an. In Frankreich fand der Annuntiationsstil lediglich unter den ersten Capetingern (also seit dem Ende des 10. Jahrhunderts) bis ins 12. Jahrhundert hinein Anwendung, wurde dann aber vom Osteranfang verdrängt. Im schweizerischen Bistum Lausanne datierte man bis ins 16. Jahrhundert hinein nach dem Annuntiationsstil.

Ostern

In dieser Rechnung begann man das Jahr mit dem Ostersonnabend, es gab aber auch abweichende Varianten, in denen das Jahr am Karfreitag begonnen wurde (z. B. in Flandern und Brabant). Der Jahresanfang konnte auf 35 verschiedene Tage fallen, weshalb Daten innerhalb eines Jahres zweimal auftreten konnten, die dann mit dem Zusatz "vor Ostern" oder "nach Ostern" bezeichnet wurden.

Hauptsächlichstes Verbreitungsgebiet des Osteranfanges (mit dem Ostersonnabend) war Frankreich. Hier begann man unter dem König Philipp I. (r. 1059/60-1108), Datierungen nach diesem Stile vorzunehmen. Erst 1563 wurde der Osteranfang zugunsten des 1.-Januar-Anfanges offiziell abgeschafft. In Deutschland verwendete nur die Erzdiözese Köln den Osteranfang. Hier wurde er bereits 1310 durch den Weihnachtsanfang ersetzt. In den Niederlanden galt der Osteranfang in Flandern, Brabant und dem Hennegau, in der Schweiz nur in den Bistümern Genf (von etwa 1220 bis 1305) und Sitten (von etwa 1200 bis etwa 1250). In beiden Bistümern wurde der Osteranfang vom Weihnachtsanfang gefolgt.

Märzstil

Der Jahresanfang am 1. März war der ursprünglich in Rom herrschende. Januar und Februar wurden zum Vorjahre (nach heutiger Rechnung) gezählt. In der Republik Venedig galt dieser Jahresanfang bis zu ihrem Ende im Jahre 1797, in Russland bis ins 14. Jahrhundert.

Septemberstil

Der 1. September ist der Jahresanfang des griechischen bzw. byzantinischen Kalenders und wurde von Russland seit dem 13. Jahrhundert übernommen. Nach dieser Zählung entsprach der 31. August 1522 unserer Rechnung dem 31. August 7030 "nach der Erschaffung der Welt", während der 1. September 1522 als 1. September 7031 gezählt wurde. Dieser Jahresanfang wurde in Russland am 1. Januar 1700 durch den Januaranfang und die christliche Jahreszählung abgelöst.

 

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http://www.ortelius.de/kalender/jul_de.php   © Holger Oertel 2000-2008; letzte Änderung: 22. September 2007

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