Epochen und Ären

Viele Kalender zählten und zählen die Jahre beginnend mit einem als wichtig empfundenen Ereignis. Den Startzeitpunkt einer Jahreszählung bezeichnet man als Epoche oder Ära. Grob können Ären mit realem Hintergrund und solche Ären, denen irgendein sagenhaftes Ereignis zugrunde liegt, wie etwa die Erschaffung der Welt, unterschieden werden. In letzterem Falle wird auch von so genannten Weltären gesprochen.

Im Folgenden sollen einige Ären kurz beschrieben werden.

Ären realer Ereignisse

Olympiaden

Die Olympiadenrechnung entstand im 4. oder 3. Jahrundert v. u. Z. und wird dem griechischen Geschichtsschreiber Timaios zugeschrieben. Später ergänzte Erathostenes die Zählung. Die Praxis der griechischen Staaten, Jahre nach den Inhabern jährlich wechselnder Ämter zu bezeichnen, hatte sich als hinderlich für eine Darstellung geschichtlicher Ereignisse erwiesen. Timaios suchte nach einer Möglichkeit, die Jahre auf einer für ganz Griechenland einheitlichen Grundlage zu bezeichnen. Dazu nutzte er die regelmäßig aller vier Jahre stattfindenden Olympischen Spiele, deren Sieger vollständig verzeichnet wurden. Die frühesten Spiele, von denen ein Sieger bekannt war, waren diejenigen des Jahres 776 v. u. Z., das Timaios deswegen zur Ära seiner Olympiadenrechnung machte. 776 v. u. Z. war nach dieser Zählung das erste Jahr der ersten Olypiade. Das folgende Jahr, 775 v. u. Z., war das zweite Jahr der ersten Olympiade usw. Da die Olympischen Spiele alle vier Jahre stattfanden, wurde 772 v. u. Z. das erste Jahr der zweiten Olympiade.

Ins tägliche Leben fand diese recht umständliche Rechnung keinen Eingang, jedoch nutzten Geschichtsschreiber sie bis in die Zeit nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer. Die olympischen Spiele wurden 394 u. Z. von Kaiser Theodosius als heidnisch verboten, nachdem im Jahr zuvor die letzten Spiele stattgefunden hatten.

Gründungsära (der Stadt Rom)

Sie geht auf Atticus zurück, dessen Berechnungen von M. Terentius Varro publik gemacht worden sind. Die Gründung der Stadt wird dabei auf den 21. April 753 v. u. Z. datiert. Von diesem Jahr an wurden in historischen Aufzeichnungen die Jahre gezählt. Die Jahre wurden mit dem Zusatz "ab urbe condita", kurz a. u. c. versehen, was soviel wie "seit der Gründung der Stadt" bedeutet.

Gelegentlich wurde neben der beschriebenen Varronischen Zählung die so genannte Kapitolinische Zählung angewendet, die ein Jahr später, also 752 v. u. Z. beginnt. Sie erscheint in Listen der Konsuln, die ihr Amt am 15. März antraten, obwohl das Kalenderjahr bereits am 1. Januar begann. Vielleicht liegt hierin die Differenz von einem Jahr begründet. 

Nabonassar-Ära

Im Jahre 747 v. u. Z. bestieg Nabonassar den babylonischen Thron. Ägyptische Astronomen schufen um das 4. Jahrhundert v. u. Z. eine Zeitrechnung, die mit dem Neujahrstag des ägyptischen Sothisjahres begann, in dem Nabonassar König wurde, dem 26. Februar 747 v. u. Z. Gezählt wurden die Herrscherjahre des jeweils als der mächtigste erscheinenden Königs. Das waren nach Nabonassar die assyrischen und persischen, später die makedonischen und seleukidischen Könige. Schließlich wurden, seit Augustus, die Herrscherjahre der Römischen Kaiser gezählt. Das Jahr 1 der jeweiligen Herrschaft begann immer mit dem Sothisneujahr des Jahres des Regierungsantritts.

Die Herrscherlisten wurden bis gegen Ende des 3. Jahrhunderts u. Z. fortgeführt.

Buddha-Ära

Die im Jahre 544 v. u. Z. beginnende Buddha-Ära war und ist in Ceylon bzw. Sri Lanka in Benutzung. Zuvor war eine Buddha-Ära verwendet worden, die im Jahre 483 v. u. Z. beginnt.

Mahâvîra-Ära

Vardhamâna Mahâvîra war der Gründer des Dshain-Glaubens. Er wurde um 540 v. u. Z. geboren und führte, nachdem seine Eltern gestorben waren, über mehr als zehn Jahre ein asketisches Leben. Später lehrte er seinen Glauben bis zu seinem Tode (um 468 v. u. Z.) Die Ära beginnt im Jahre 528 v. u. Z. und wird für religiöse Zwecke bis heute gebraucht.

Seleukidenära 

Nach dem Tode Alexanders des Großen brachen sehr schnell Streitigkeiten zwischen den Heerführern des Königs aus. Diese "Diadochen" (griech. "Nachfolger") teilten zunächst das Reich unter sich auf. Bald jedoch brachen Kriege zwischen ihnen aus, die so genannten Diadochenkriege, in deren Ergebnis die Diadochenreiche entstanden. Unter diesen Nachfolgestaaten des Alexanderreiches erlebte das Seleukidenreich einen Aufstieg zur vorherrschenden Macht in Vorderasien. Die Dynastie der Seleukiden wurde von Seleukos gegründet, der nach Alexanders Tod Babylon erhalten hatte. Die Seleukidenära beginnt im Jahre 312 v. u. Z., in das ein bisher nicht näher bestimmter militärischer Erfolg des Seleukos fällt. Durch die unterschiedlichen Jahresanfänge in Babylon einerseits und Syrien andererseits fiel der Beginn der Ära je nach dem Kalender, für den sie genutzt wurde, in den Herbst 312 v. u. Z. (Syrien) oder das Frühjahr 311 v. u. Z.

Die Seleukidenära verbreitete sich sehr schnell und wurde auch noch lange nach dem Untergang des Seleukidenreiches verwendet. Im Jüdischen Kalender war sie lange in Gebrauch, bevor sie durch die jüdische Weltära abgelöst wurde.

Vikrama-Ära

Nach der Tradition wurde diese Ära von einem König Vikramâditya begründet, der die Shaka aus der Stadt Udshdshayinî vertrieben haben soll. Die Ära beginnt die Jahreszählung im Jahre 58 v. u. Z. Historisch lässt sich dieser König nicht belegen. König Tshandra Gupta II. führte tatsächlich den Titel Vikramâditya und eroberte Udshdshayinî von den Shaka, lebte aber 400 Jahre später. Die frühesten Inschriften, in denen diese Ära verwendet wurde, bezeichnen sie lediglich als krita, d. h. etwa "aufgestellt".
Die Shaka-Ära wurde zunächst hauptsächlich in Nordindien verwendet. Ihre Jahre wurden dort zunächst mit dem Monat Kârttika begonnen, doch im Mittelalter begann man die Jahre mit der hellen Hälfte des Tschaitra, im Süden Indiens jedoch mit der dunklen Hälfte. Die Vikrama-Ära ist für religiöse Zwecke bis heute in Gebrauch.

Shaka-Ära

Ein Shaka-König soll diese Ära begründet haben, nachdem er die Stadt Udshdshayinî eingenommen hatte. Dies geschah der traditionellen Überlieferung zu Folge 137 Jahre, nachdem Vikramâditya die Stadt eingenommen hatte. Tatsächlich beginnt die Jahreszählung im Jahre 78 u. Z. Offenbar wurde sie vom Kushan-König Kanishka geschaffen, dessen Vater und Großvater in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts u. Z. den Nordwesten Indiens unter ihre Kontrolle gebracht hatten. In diesen Gebieten war sie zunächst auch in Gebrauch, breitete sich später jedoch über die ganze indische Halbinsel und bis nach Südostasien aus und wird im religiösen Bereich weiterhin benutzt. Seit den 1950-er Jahren wird sie im reformierten Shaka-Kalender verwendet, siehe Kalender in Indien.

Christliche Ära

Die Christliche Ära wurde erstmals von Dionysius Exiguus in Ostertafeln verwendet, die er im Jahre 525 aufstellte. Sie beginnt mit der in das Jahr 1 u. Z. gelegten Geburt Christi und setzte sich ab dem 9. Jahrhundert allgemein durch. Sie wurde bzw. wird im Julianischen Kalender sowie im Gregorianischen Kalender verwendet.

Kalatshuri-Ära

Die Begründung dieser Ära wird der kleinen Traikûtaka-Dynastie zugeschrieben. Die mit dem Jahre 248 u. Z. beginnende Ära war in Zentral-Indien bis zum Beginn der islamischen Herrschaft in Gebrauch.

Diokletianische Ära 

Im Jahre 284 u. Z. begann die Herrschaft des Römischen Kaisers Diokletian. Während seiner Herrschaft reformierte er Heer, Finanzwesen und Verwaltung des Imperiums und strebte eine Erneuerung der alten römischen Religion an. In diesem Zusammenhang erließ er in den Jahren 303 und 304 u. Z. vier Edikte gegen die Christen, in deren Gefolge es besonders im östlichen Reichsteil zu brutalen Christenverfolgungen kam.

Der Neujahrstag des Jahres der Thronbesteigung Diokletians im (an den Julianischen Kalender angepassten) ägyptischen Kalender war der 29. August 284 u. Z., mit dem die Jahreszählung beginnt. Eigentümlicherweise fand die Ära Eingang in die christlichen Aufzeichnungen und wird als "Ära der Märtyrer" bis heute bei den koptischen Christen angewendet. In Europa wurde sie von der christlichen Ära seit dem 6. Jahrhundert verdrängt.

Gupta-Ära

Sie geht wahrscheinlich auf König Tshandragupta I. zurück. Sie beginnt (wahrscheinlich mit der Thronbesteigung) im Jahre 320 u. Z. und wurde im Gupta-Reich und später in Gudsharat verwendet.

Harsha-Ära

Im Jahre 606 begann die Herrschaft des Königs Harshavardhana in Kânyakubja (dem heutigen Kanaudsh). Er regierte bis 647 über einen Nachfolgestaat des Gupta-Reiches. Die nach ihm benannte und mit dem Jahre 606 beginnende Ära wurde in Nordindien bis etwa zum Jahre 800 benutzt.

Islamische Ära (Hidschra)

Der islamischen Jahreszählung liegt der Auszug des Propheten Muhammad aus Mekka nach Jathrib, dem heutigen Medina, zugrunde, der meist auf den 16. Juli 622 (Julianisch) angesetzt wird. Einige Chronologen begannen die islamische Jahreszählung bereits mit dem 15. Juli 622, wobei dies für den (beobachtungsbasierten) Islamischen Kalender keinen Einfluss auf die Bestimmung des aktuellen Datums hat. Die schematische Variante des islamischen Kalenders beginnt die Zählung mit dem 16. Juli 622.

Auch der Persische Kalender beginnt seine Jahreszählung im Jahre 622, allerdings nicht am 15. oder 16. Juli, sondern bereits mit dem 19. März (Julianisch), der Frühlingstag- und -nachtgleichen. Im Unterschied zum islamischen Kalender werden im persischen Kalender Sonnenjahre gezählt, weshalb (im August des gregorianischen Jahres 2003) der persische Kalender das Jahr 1382 schreibt, während der islamische Kalender bereits im Jahre 1421 ist.

Kaiserliche Ära Japans

Diese Ära beginnt mit dem 1. Januar des Jahres 661, in dem der Legende nach das japanische Kaisertum errichtet worden sein soll. Sie wurde zusammen mit dem Gregorianischen Kalender in Japan von 1873 bis 1945 häufig verwendet.

Republikanische Ära

Diese mit dem 22. September 1792 beginnende Ära wurde im Französischen Revolutionskalender angewendet, der vom November 1795 bis zum Dezember 1805 offiziell in Frankreich galt. Sie knüpft sich an die Ausrufung der Republik durch den Nationalkonvent am 22. September 1792, der zufällig der Herbsttag- und -nachtgleichen entsprach. Die Jahre wurden als "Jahre der Republik" gezählt und mit römischen Zahlen bezeichnet.

Minguo-Ära

Diese Ära, übersetzt etwa "Ära der Republik" wurde gemeinsam mit dem Gregorianischen Kalender von der republikanischen Regierung in China eingeführt. Sie beginnt am 1. Januar 1912 und wurde auf dem chinesischen Festland bis 1949 verwendet. Auf Taiwan wird sie bis heute benutzt.

OF-Ära ;-)

Am 1. September 1988 begann die Berufsausbildung mit Abitur der beiden Schöpfer des OF-Kalenders. Daher ist dieser Tag der Beginn der Stresszählung dieses Kalenders.

Ären legendärer Ereignisse

Im Gegensatz zu den vorgenannten liegen diesen Ären legendäre Ereignisse zugrunde, meist die Erschaffung der Welt. Auf Grund biblischer Angaben, Angaben in anderen religiösen Schriften sowie durch den Vergleich von Herrscherlisten versuchte man, den Zeitpunkt dieser Ereignisse zu fixieren.

Alexandrinische Weltära

Diese Ära legt den Zeitpunkt der Erschaffung der Welt auf den 29. August 5493 v. u. Z. Sie basiert auf einem Vorschlag des Mönchs Annianus (siehe unten), nur der Jahresanfang wurde dem damals üblichen 29. August angepasst. Diese Alexandrinische Ära wurde hauptsächlich von ägyptischen Chronologen verwendet, jedoch später von der Byzantinischen Weltära verdrängt.

Byzantinische oder Griechische Weltära

Diese Ära beginnt mit dem 1. September 5509 v. u. Z.; byzantinische Geschichtsschreiber hatten dieses Jahr als das Jahr der Schöpfung ermittelt. Diese Weltära wurde im Byzantinischen Reich bis zu dessen endgültiger Vernichtung im Jahre 1453 verwendet und kam von hier nach Russland, wo sie bis 1700 in Gebrauch war.

Jüdische Weltära

Diese Ära erscheint das erste mal im Talmud (5. Jahrhundert u. Z.) und setzt das 400. Jahr nach der Zerstörung des zweiten Tempels (also 470 u. Z.) mit dem Jahr 4231 nach der Erschaffung der Welt gleich. Es gab mehrere Berechnungen, die den Beginn der Ära in die Jahre zwischen 3762 und 3758 v. u. Z. legten. Durch die komplizierte Bestimmung des Jahresanfangs ist es notwendig, nicht nur den Tag, sondern den exakten Zeitpunkt der Ära zu bestimmen. Schließlich wurde der Beginn der jüdischen Weltära auf Sonntag, den 6. Oktober 3761 v. u. Z. um 23:11:20 Uhr festgesetzt. Dieser Zeitpunkt entspricht nach der jüdischen Zeitrechnung Montag, 5 Stunden 204 Chalakim (s. Jüdischer Kalender).

Weitere Weltären

Im 3. Jahrhundert legte Sextus Julius Africanus die Erschaffung der Welt auf den 25. März 5501 v. u. Z. Eusebius begann im 5. Jahrhundert seine Weltära mit dem Jahr 5200 v. u. Z. Ebenfalls im 5. Jahrhundert schlug der ägyptische Mönch Annianus den 25. März 5492 v. u. Z. vor, während zur gleichen Zeit der alexandrinische Mönch Panodoros den 19. März 5493 v. u. Z. vertrat.

Ären anderer legendärer Ereignisse

In christlichen Werken erscheint häufig die Ära Abrahams, die Eusebius in das Jahr 2016 v. u. Z. legte. Auch findet man verschiedene Passionsären, u. a. 28 u. Z. oder 34 u. Z. Auch wurde eine Ära ab der Vertreibung des Volkes Israel (ab Exodo) verwendet, die im Jahre 1552 v. u. Z. beginnt.

Die Mayas begannen ihre Große Zählung im 4. Jahrtausend v. u. Z. Nach der Goodman-Martinez-Thompson-Konkordanz fällt der Beginn auf den 6. Septemberg 3114 v. u. Z. (JD 584283). Am Ende eines jeden Zyklus (mit 1872000 Tagen) der Großen Zählung wird nach der Tradition die Welt zerstört, um neu geschaffen zu werden.

 

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http://www.ortelius.de/kalender/era_de.php   © Holger Oertel 2000-2008; letzte Änderung: 30. Mai 2009

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