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Vor etwa 5000 Jahren etablierte sich entlang des Nils das ägyptische Königtum, das mit einigen Unterbrechungen bis kurz vor die Zeitenwende bestand. Die natürlichen Gegebenheiten begünstigten die Entwicklung der ägyptischen Zivilisation. Der Nil brachte mit seinen Überschwemmungen alljährlich fruchtbaren Schlamm auf die Felder, so dass die Versorgung mit Getreide im Großen und Ganzen ungefährdet war. Schon früh entdeckte man, dass die Überschwemmung zeitlich eng mit dem ersten Erscheinen des Sternes Sirius (ägyptisch Sopdet) am morgendlichen Himmel zusammenfiel. Dieser sog. heliakische Aufgang des Sirius fiel zur Entstehungszeit des bürgerlichen ägyptischen Kalenders wahrscheinlich mit dessen Neujahrstage zusammen. Da aber die Jahreslänge unveränderlich 365 Tage betrug, verschob sich der Kalender gegenüber der Natur um etwa einen Tag aller vier Jahre. Innerhalb von 1460 julianischen Jahren (mit jeweils 365,25 Tagen) vergingen 1461 ägyptische Kalenderjahre, und nach diesem Zeitraum, der sog. Sothis-Periode (1), stimmte der Kalender wieder mit den natürlichen Erscheinungen überein.
Über den Zeitpunkt der Entstehung des ägyptischen Kalenders gibt es keine unmittelbaren Zeugnisse. Die Daten dreier heliakischer Aufgänge des Sirius aus den Regierungszeiten von Thutmosis III., Amenophis I. und Sesostris III. (2) sind uns überliefert. Der römische Geschichtsschreiber Censorinus erwähnte, dass im Jahre 139 u. Z. der heliakische Aufgang der Sirius mit dem Neujahrstage des ägyptischen Kalenders zusammenfiel. Stimmt die Hypothese, dass dies auch zur Entstehungszeit des Kalenders der Fall war, dann kämen rein rechnerisch (3) die Jahre 1322 v. u. Z. oder 2782 v. u. Z. oder gar 4242 v. u. Z. in Frage. Natürlich kann man aus diesem Rechenexempel keineswegs darauf schließen, dass der Kalender schon im 5. Jahrtausend v. u. Z. bestanden hätte.
Die Verschiebung des Kalenders gegenüber den Jahreszeiten kann zwar nicht unbemerkt geblieben sein, wurde aber über Jahrhunderte hingenommen, ohne dass ernsthafte Korrekturbemühungen überliefert sind. Erst König Ptolemaios III. Euergetes (r. 246 v. u. Z. - 222 v. u. Z.) erließ im Jahre 238 v. u. Z. das Dekret von Kanopus, in dem er die Einführung eines Schalttages aller vier Jahre vorschrieb. Doch auch nach dem Dekret bestand der ägyptische Kalender in seiner alten Form weiter, und erst der Nachfolger Cäsars, Augustus, führte um das Jahr 30 v. u. Z. einen Schalttag ein.
Die Anpassung des ägyptischen Kalenders an den julianischen Kalender erfolgte, indem aller vier Jahre ein sechster Zusatztag gezählt wurde, so dass die mittlere Jahreslänge des ägyptischen Kalenders der des julianischen Kalenders entsprach. Der ägyptische Jahresanfang fiel nun stets auf den 29. August, außer in den julianischen Jahren, die einem Schaltjahr unmittelbar vorausgingen. In diesen nämlich endete das ägyptische Schaltjahr, weshalb der ägyptische Jahresanfang auf den 30. August fiel. Am 29. Februar des folgenden julianischen Schaltjahres wurde dieser Versatz wieder ausgeglichen. Dieser Kalender wird mitunter auch als alexandrinischer Kalender bezeichnet.
Zum Unglück für die Altertumswissenschaften existierte keine fortlaufende Jahreszählung. Stattdessen wurde zunächst die Viehzählung herangezogen, die aller zwei Jahre in Ägypten durchgeführt wurde. Man gab das Jahr also etwa in der Form "Jahr der 3. Zählung [unter der Regierung des Königs ...]" an, später nur kurz "Jahr des 3. Mals". Seit der 11. Dynastie, also etwa seit 2100 v. u. Z., wird nur noch das Regierungsjahr angegeben. Dabei begann ein solches Regierungsjahr zunächst mit dem Neujahrstage des Jahres, in dem der König den Thron bestieg. Wenn also die Herrschaft eines Königs am 3. Zusatztag (s. u.) eines Jahres begann, so hatte sein erstes Regierungsjahr nur 3 Tage. Etwa ab der 18. Dynastie (ca. ab 1540 v. u. Z.) begann man jedoch, den tatsächlichen Tag der Thronbesteigung als Beginn des Regierungsjahres aufzufassen, ein Brauch, der jedoch kurz vor der Saitenzeit (26. Dyn., um 660 v. u. Z.) wieder aufgegeben wurde.
Das Jahr wurde in drei Jahreszeiten mit jeweils vier Monaten unterteilt, wobei jeder Monat 30 Tage hatte. Am Ende des Jahres wurden fünf Zusatztage angehängt, so dass die Jahreslänge 365 Tage betrug. Die Datierung erfolgte meist in der Form "16. Tag des 2. Monats der Überschwemmungszeit", aber die Monate tragen auch eigene Namen.
Die Namen der Jahreszeiten und Monate zeigt die folgenden Tabelle.
| Jahreszeit | Monat | ||
|---|---|---|---|
| Ache (Überschwemmungszeit) | Thot | ||
| Phaophi | |||
| Athyr | |||
| Choiak | |||
| Prôje (Winter) | Tybi | ||
| Mechir | |||
| Phamenoth | |||
| Pharmuthi | |||
| Schômû (Sommer) | Pachon | ||
| Payni | |||
| Epiphi | |||
| Mesori |
Interessant ist, dass sich die Monatsstruktur des ägyptischen Kalenders wohl schon sehr früh von den Mondphasen löste. Komplizierte Mechanismen zur Anpassung eines Mondkalenders an die jahreszeitlichen Erscheinungen wie etwa im Jüdischen Kalender waren daher unnötig, und das trug zu einer klaren inneren Struktur bei.
Die Kalender der Christen in Ägypten sowie Äthiopien gehen auf den ägyptischen Kalender zurück und haben noch heute die gleiche innere Struktur, siehe Koptischer und Äthiopischer Kalender.
Nachdem Ägypten Teil des Alexanderreiches war, spaltete es sich unter der Dynastie der Ptolemäer, benannt nach ihrem Gründer, dem Feldherrn Ptolemaios I. Soter (r. 323/305 v. u. Z. - 282 v. u. Z.), ab und wurde eigenständiges Königreich. Nach einer kurzen Zeit, in der der makedonische und der althergebrachte ägyptische Kalender parallel benutzt wurden wurde ersterer aufgegeben. Man verwendete lediglich makedonische Monatsnamen für die Monate des ägyptischen Kalenders. Die ursprünglich Zuordnung makedonischer Monatsnamen zeigt die folgende Tabelle.
| Ägyptisch | Makedonisch | ||
|---|---|---|---|
| Thot | Dystros | ||
| Paophi | Xandikos | ||
| Athyr | Artemisios | ||
| Choiak | Daisios | ||
| Tybi | Panemos | ||
| Mechir | Loios | ||
| Phamenoth | Gorpiaios | ||
| Pharmuthi | Hyperberetaios | ||
| Pachon | Dios | ||
| Payni | Apellaios | ||
| Epiphi | Audnaios | ||
| Mesori | Peritios |
Während der Regierungszeit Ptolemaios' VIII. Euergetes (r. 170/164 v. u. Z. - 163 v. u. Z. und 145/144 v. u. Z. - 116 v. u. Z.) verschob man diese Zuordnung um vier Monate, so dass die Namen gemäß folgender Tabelle verwendet wurden.
| Ägyptisch | Makedonisch | ||
|---|---|---|---|
| Thot | Dios | ||
| Paophi | Apellaios | ||
| Athyr | Audnaios | ||
| Choiak | Peritios | ||
| Tybi | Dystros | ||
| Mechir | Xandikos | ||
| Phamenoth | Artemisios | ||
| Pharmuthi | Daisios | ||
| Pachon | Panemos | ||
| Payni | Loios | ||
| Epiphi | Gorpiaios | ||
| Mesori | Hyperberetaios |
Nachdem Ägypten von Rom erobert worden war, wurde der Kalender dem Julianischen Kalender angepasst, indem alle vier Jahre ein sechster Zusatztag gezählt wurde. Ein solches Schaltjahr des reformierten Ägyptischen Kalenders endet in einem Julianischen Jahr, das einem Julianischen Schaltjahr unmittelbar vorausgeht. Daher beginnt das Ägyptische Jahr in diesem Falle am 30. August, und die Daten sind bis Ende Februar des folgenden Jahres um eine Einheit verschoben. Die folgende Tabelle zeigt die Daten der Monatsersten des reformierten Ägyptischen Kalenders im Julianischen Kalender. Die eingeklammerten Werte beziehen sich auf den eben beschriebenen Fall.
| Ägyptisch | Julianisch | ||
|---|---|---|---|
| 1. Thot | 29. (30.) August | ||
| 1. Paophi | 28. (29.) September | ||
| 1. Athyr | 28. (29.) Oktober | ||
| 1. Choiak | 27. (28.) November | ||
| 1. Tybi | 27. (28.) Dezember | ||
| 1. Mechir | 26. (27.) Januar | ||
| 1. Phamenoth | 25. (26.) Februar | ||
| 1. Pharmuthi | 27. März | ||
| 1. Pachon | 26. April | ||
| 1. Payni | 26. Mai | ||
| 1. Epiphi | 25. Juni | ||
| 1. Mesori | 25. Juli | ||
| 1. Zusatztag | 24. August |
Anmerkungen
1
Sothis ist der griechische Name für Sirius. Die ägyptische Bezeichnung für den Stern lautete, da nur Konsonanten geschrieben wurden,
"spdt", während die Vokale aufgrund sprachwissenschaftlicher Vergleiche (z. B. mit der koptischen Sprache) ergänzt werden müssen.
Die Sothis-Periode ist wahrscheinlich etwas kürzer, wohl weil sich der heliakische Aufgang gegenüber dem tropischen Jahr sehr langsam verschiebt.
Die Bezeichnung "Sothis-Periode" für die beschriebenen 1460 Jahre wäre demnach nicht ganz korrekt, soll hier aber trotzdem verwendet
werden.
2
Die hier verwendeten Namen und Schreibweisen der ägyptischen Könige sowie der Namen der Monate und Jahreszeiten entsprechen den herkömmlichen
graecisierten Varianten. In der heute in der Ägyptologie verwendeten Transskription altägyptischer Namen lauten die Königsnamen Dhutmose, Amenhotpe
und Senwosre.
3
Indem man von 139 fortlaufend 1460 Jahre, also die Länge der Sothis-Periode, abzieht.
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http://www.ortelius.de/kalender/egypt_de.php © Holger Oertel 2000-2008; letzte Änderung: 30. Mai 2009